Der Reynaert

Neu im Programm von Action Verlag ist das volkssprachlich dietsche Epos Vanden vos Reynaerde nach der Dycker Handschrift. Das Adjektiv dietsch meint die allgemein ausgestorbene Volkssprache des Mittelalters.

 

Das Original entstand im 12. Jahrhundert durch den nur in VdvR-Dyck überlieferten Autor "Arnout". Dessen Werk nahm der im 13. Jahrhundert noch bekannte "Willam die madocke makede" auf und  erweiterte den Inhalt um das Doppelte an Umfang und Erzähldauer.

 

In  Deutschland gilt hingegen noch immer die weit verbreitete Annahme, die Dichtung sei auf Goethe zurückzuführen. Goethe schuf aber erst viele Jahrhunderte später die vom Original inhaltlich deutlich abweichende Nachdichtung Reineke Fuchs.

 

Der Transkription und Übersetzung von Richard Philipp Pooth ist es zu verdanken, dass dieses Werk nun erstmals in seiner ursprünglichen Fassung der dietschen Volkssprache als Hörversion vorliegt. Erzähler ist Markus von Hagen, die Laufzeit beträgt 2 Stunden und 43 Minuten. Der Preis für die CD-Version beträgt 13,95 EUR inklusive Versand (Downloadpreise abweichend in den relevanten Portalen).

 

 

Was dieses Hörbuch so besonders macht, und warum man den "Fuchs Reineke" so noch nie gehört hat, erfahren geneigte Hörer weiter unten im Text.

Der Reynaert Hörprobe.mp3
MP3-Audiodatei [4.6 MB]
Richard Philipp Pooth
Markus von Hagen

Die hier in einer interpretierenden Übersetzung und mit einer Transkription vorgestellte Reimdichtung "Vanden vos Reynaerde" ist nur noch in zwei wertvollen Sammelbänden erhalten, die nach ihren Fundorten als Comburger und Dycker Handschrift bezeichnet und in deutschen Archiven als literarische Kulturgüter aus dem Mittelalter betreut werden.

 

Während die etwa ein Vierteljahrhundert jüngere Textquelle VdvR-Comburg schon seit 1805 bekannt ist und heute in der Rechtsnachfolge dem Land Baden-Württemberg gehört, wurde die ältere Textquelle VdvR-Dyck erst im Jahre 1907 in der Privatbibliothek des Fürsten von Salm-Reifferscheidt entdeckt, 1991 von der Bundesrepublik Deutschland erworben und in einem Festakt der Universität Münster übergeben.

 

In der dortigen Handschriftenabteilung tragen die originalen Pergamentseiten die Signaturen 102 r bis 123 r. Mit einer wissenschaftlichen Transkription wurde dieser Quellentext von der Universität digitalisiert und ins Internet gestellt, sodass er öffentlich zugänglich ist. Wie schon zu seiner Entstehungszeit im 12. Jahrhundert ist der Inhalt des unbestritten zur Weltliteratur gehörigen Tierepos vom Fuchs Reynaert auch heute noch stark umstritten. Während der oft missverstandene Text des "Reynaert" im Mittelalter von der Kirche zensiert auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt wurde, ist der Quellentext nach der Auflösung dieses Index im vorigen Jahrhundert heute wieder frei verfügbar und kann von Literaturinteressierten gelesen und studiert werden, wenn diese die Hindernisse der in all ihren Sprachräumen ausgestorbenen dietschen Sprache bewältigen und die interpretatorischen Vorurteile zu dieser mittelalterlichen Meisterdichtung überwinden und sich ein eigenes Urteil bilden. Zu den Erschwernissen zählen vor allem fehlende Kenntnisse der dietschen Sprache, die heute aufgrund einer nur Insidern bekannten "Forschungsorganisation" als niederländisch oder mittelniederländisch bezeichnet wird.

 

Auch die thematische Zuordnung der Dichtung zum übergeordneten Stichwort "Reineke Fuchs" führt vom Wege ab, denn Goethes "Zwölf Gesänge vom Reineke Fuchs", die den Stoff etliche Jahrhunderte später und ohne Kenntnis der dietschen Textquellen behandeln, sind im wahrsten Sinne des Wortes Nachdichtungen des um das Vielfache angewachsenen Reynaert-Stoffes. Das Original entstand im 12. Jahrhundert durch den nur in VdvR-Dyck überlieferten Autor !Arnaut". Dessen Werk nahm der im 13. Jahrhundert noch bekannte "Willam die madocke makede" auf und erweiterte den Inhalt um das Doppelte an Umfang und Erzähldauer.

 

Von einer "Einheitlichkeit der Reynaert-Dichtung". welche die Reynaerdologen als Spezialisten dieser Weltliteratur zur Stützung ihres Prioritätsanspruches zugunsten der jüngeren Textquelle VdvR-Comburg behaupten, kann keine Rede sein. Wie bei den im Mittelalter häufigen Wiederaufnahmen und Erweiterungen von literarischen Werken so ist auch für diese dietsche Meistererzählung die besondere Zielsetzung des Autors entscheidend. Dieser erzählt die Handlung aus seiner Sicht und schildert die Charaktere der Hauptfiguren mit seinen Farben.

 

Aus dem ursprünglich von Arnout als Königsspiegel gedachten und mit geistlicher Absicht intendierten Tierepos schuf der Erweiterer "Willam die madocke makede" eine weltliche Dichtung, in der nicht mehr der König Nobel, sondern der Fuchs "Reynaert" die Hauptrolle übernimmt. Durch die niederländische Dichtung "Reynaerts historie" und den niederdeutschen "Reynke de vos" wurde der Stoff nochmals erweitert. Als "Reineke Fuchs" wurde er besonders durch Goethes geniale Nachdichtung "Zwölf Gesänge vom Reineke Fuchs" in Deutschland bekannt und machte in aller Welt eine erstaunliche Karriere. Zu Goethes Zeiten galt diese Dichtung als unterhaltsames und zugleich belehrendes Bildungsgut.

 

Geht man speziell den unterschiedlichen Intentionen nach, welche die an der hier vorgestellte Textquelle VdvR-Dyck beteiligten Autoren zur Abfassung ihrer Dichtung veranlassten, so ist es hilfreich, dass der nur im Prolog dieser Textquelle erwähnte Autor "Arnout" inzwischen identifiziert ist. Es handelt sich nachweislich umd den adligen Geistlichen Arnold von Isenburg, der im 12. Jahrhundert fast zwanzig Jahre im Kanonikerstift von Deventer lebte und arbeitete, ehe er 1197 zum Bischof von Utrecht gewählt wurde. Im Ahnenregister des rheinfränkischen Adelsgeschlechts der Isenburger ist vermerkt, dass Arnold 1197 als Bischof von Utrecht in Rom verstarb. Das Register der Bischöfe von Utrecht bestätigt seine Wahl für das Jahr 1197.

 

Schon Jakob Grimm erkannte den "Waldgeruch" der Reynaert-Dichtung. Seine Meinung wurde zwar von seinen Kollegen aus dem Ausland als Deutschtümelei verspottet, aber der Fund der älteren Textquelle VdvR-Dyck bestätigte seine Erkenntnis, dass der Stoff dieser Dichtung nicht aus französischem, sondern aus germanischem Erzählgut stammt. Beim Volk waren Tiergeschichten sehr beliebt und wurden meist mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Die Dichter nahmen auch Erzählelemente aus dem Orient und der Klosterliteratur auf, wodurch auch das Tierepos vom Reynaert bereichert wurde und Veränderungen erfuhr. Der König der Tiere ist hier nicht mehr der Bär als das stärkste Tier der germanischen Wälder, der für Recht und Ordnung im Tierreich sorgt. Diese Herrschaftsrolle übernahm in der christlichen Dichtung der aus dem Orient stammende Löwe, während der geistliche Autor dem Bären nur noch die Rolle des ersten Königsboten zuwies.

 

Schon Karl der Große liebte die Tiererzählungen, die ihm aus dem Lateinischen der Langebarde Paulus Diaconus und in der Volkssprache der später von der katholischen Kirche heiliggesprochene Hofdichter Arnold vortrug. Auf dessen Anregung ließ Karl eine Sammlung von volkssprachlichen Erzählungen anlegen, die leider bereits unter Karls Sohn, Ludwig dem Frommen, unwiederbringlich verschwand.

 

Die Ottonen würdigten in der karolingischen Renaissance den Wert der volkssprachlichen Erzählungen. Mit Arnold von Isenburg nahm ein Gelehrter der Kirche die Tradition seines Namenspatrons wieder auf und komponierte seinen "Reynaert" mit vielen Tiererzählungen der von Karl besiegten Sachsen und Details aus deren Zugehörigkeit zur byzantinischen Kirche. Der Pfarrer wird im "Reynaert" Pape genannt, das Goldstück ist ein Byzantiner, die Vorburg eine Barbakane und zu einer Prochiane, was aus dem Griechischen entlehnt "Gemeinde" bedeutet, zählen die Anhänger des um sein Weib Jülocke besorgten Papen.

 

Auch die Zusammenstellung der personalisierten Tiere in diesem Epos beweist durch die überwiegend aus dem Germanischen übernommenen Namen den heimatlichen Ursprung dieser dietschen Dichtung. Dieser wurde auf hoheitliche Veranlassung noch im 13. Jahrhundert durch den Geistlichen Balduinus iuvenis die seltzene Ehre zuteil, aus der Volkssprache in die lateinische Sprache der Kirche und der Gelehrten übersetzt zu werden. Der Prolog dieser wiederum in Deventer entstandenen lateinischen Übersetzung erwähnt im Prolog ausdrücklich die Quellen dieser Dichtung aus den scripta teutonica.  

 

Nicht überschätzt werden darf hierbei die in den Prologen beider Textquellen gemeinsam erwähnte Beteiligung einer oder der adligen Damen, welche die jeweils geistlichen Bearbeiter des Reynaert sowohl ideell wie finanziell unterstützt haben dürften. Unweit von der bedeutendsten, weil sichersten Bibliothek des Bistums Utrecht im Kanonikerstift in Deventer der Issel lag das von Walbert, einem Enkel Widukinds, im 9. Jahrhundert gegründete Damenstift Vreden. Die adligen Damen lebten hier in einer eigenen Immunität und kümmerten sich um das Erzählgut der durch Karl den Großen besiegten Sachsen. Die in unterschiedlichen Jahrhunderten tätigen Bearbeiter des Reynaert-Stoffes konnten hier aus einem reichen Fundus an altsächsischen und wohl auch germanischen Schriften schöpfen.

 

Arnold von Isenburg lebte und wirkte fast zwanzig Jahre im Kanonikerstift Deventer, was eine fruchtbare Zusammenarbeit mit einer oder den gelehrten Damen nahelegt. Das möglicherweise gemeinsame Ergebnis entspricht hinsichtlich der Handschrift formal den Anforderungen einer geistlichen Dichtung. Jede Pergamentseite weist die geforderte Anzahl von vierzig Versen auf. Dies gilt nicht nur für den "Arnoutschen Anteil" an VdvR-Dyck, den schon der Auffinder der Dycker Handschrift, der Bibliothekar Hermann Degering aus Münster erkannte, sondern auch für den Dichter Willam die madocke makede des 13. Jahrhunderts, der das Arnoutsche Werk übernahm. Dagegen beachtet die jüngere handschriftliche Überlieferung VdvR-Comburg diese formale Forderung für eine geistliche Dichtung aus dem Mittelalter nicht mehr.

 

Insbesondere fällt bei Arnouts Anteil auf, dass er seinen Anteil an dieser Dichtung ähnlich dem Bau einer Kirche seiner Zeit konstruiert hat. Der christliche König thront in der Apsis, wo er Gericht hält; den Seitenschiffen entsprechen die Erzählungen von den Königsboten Braun und Tibert; durch das Hauptschiff schreiten Reynaert mit dem Dachs Grimbart schließlich zum Gerichtshof, wo sie im 12. Jahrhundert noch auf ein gnädiges Urteil durch den christlichen König hoffen dürfen, denn dieser musste die Barmherzigkeit Gottes auf Erden verwirklichen.

 

Es darf angenommen werden, dass der geistliche Dichter Arnout dem christlichen König, der im Tierepos mit dem königlichen Namen "Nobel" charakterisiert wird, im 12. Jahrhundert die selbständige Entscheidung eines gnädigen Urteils über den reuigen Sünder Reynaert zutraute und überließ. Der "Arnoutsche Anteil" am "Reynaert" endete vermutlich mit einem offenen Schluss mit dem Vers 1860 VdvR-Dyck ("und nahmen Reynaert gefangen"). Da das originale Werk Arnouts nicht mehr existiert, sondern aus VdvR-Dyck rekonstruiert werden muss, ist die Vermutung eine These, die von den Reynaerdologen wie der geistliche Autor Arnout nicht akzeptiert wird.

 

Dem Erweiterer des originalen Reynaert "Willam de madocke makede" genügten zwanzig Verse, um die generöse Geste Arnouts zunichte zu machen, dem christlichen König die Gelegenheit zu geben, ein gnädiges Urteil über den Sünder Reynaert fällen zu lassen (Vs. 1860-1880).

 

Hier erfahren wir, wie zutreffend der wohl später hinzugefügte Prolog die Tatsache des offenen Schlusses des Reynaert durch Arnout beurteilt, denn "Willam die madocke makede" begründet seine Fortsetzung der Dichtung mit seiner Bekümmertheit darüber, dass Arnouts Werk unvollendet geblieben sei (Vs 3-5).

 

Der zweite Teil der Reynaert-Dichtung (Vs 1880-3392 VdvR-Dyck) durch den Erweiterer " Willam die madocke makede" unterscheidet sich wesentlich vom Original seines Vorgängers. Der unterhaltsame Ton Arnouts weicht einem zusehends ernsteren. Es scheint, als ob der Erzähler in die Rolle des listigen Fuchs Reynaert schlüpfe, um den schwachen König als unchristlich zu entlarven. Dieser versagt im höchsten Richteramt des Heiligen Römischen Reiches, indem er statt eines gnädigen Urteils über den reuigen Sünder Reynaert das Todesurteil fällt. Dieser König erfüllt seine durch die kirchliche Weihe übertragene Aufgabe nicht, die Barmherzigkeit Gottes auf der Erde erstrahlen zu lassen. Verantwortungslos folgt er dem Rat des hier erstmals erwähnten Gremius der Barone und verurteilt Reynaert zum Tod. Aus reiner Geldgier und dem Drängen seiner frömmelnden Frau Gente nachgebend hebt er sein Todesurteil wieder auf, schenkt Reynaerts Lügen von einem Schatz und einer geplanten Verschwörung gegen ihn als König seinen Glauben und lässt sich wie ein Dummkopf von Reynaert rhetorisch übertölpeln. Erst durch dessen Racheakte erkennt er die wahren Zusammenhänge und muss sich seinen Irrtum eingestehen. Das Löwengebrüll des tierischen Königs Nobel wird zum unüberhörbaren Symbol.

 

Im Gegensatz zu dem unterhaltsamen Original Arnouts, bei dem die Handlung ohne irgendeine Störung voranschreitet, fühlt sich der Hörer von dem erzählten Königsgeschehen unangenehm berührt. Die Würde des Königtums wird durch dessen klare Verkennung der Realität verletzt. Der Dichter belehrt sein Publikum jedoch durchaus realistisch, denn dieses Königsdrama ist durch die geschichtlichen Ereignisse im 13. Jahrhundert belegt. Wie ein Chronist kommentiert der Erzähler den Niedergang des Königtums unter Otto IV. Dessen Blamage von Bouvines am Sonntag, den 27. Juli 1247 drängt sich ebenso symbolhaft in die Geschichtsbücher wie das Löwengebrüll des tierischen Königs Nobel in den Ohren des gebildeten Publikums.

 

Auch der zweite Teil des "Reynaert" endet mit einem offenen Schluss. Nachdem die Barone Braun und Isegrim wieder in ihre Königsämter eingesetzt sind, beschließt der Hof den Fuchs zu fangen. Ob dieses Vorhaben bei dem Fuchs Reynaert gelingt, ist bis heute offen.